Dynamik der vielen Leute

Interview mit Anja Kukuck-Peppler zum Thema Raiffeisen und Genossenschaft heute

SCHWALM-EDER. Früher gab es in nahezu jedem Dorf ein „Raiffeisen“, in dem Waren der Landwirte gelagert und gehandelt wurden, in dem es auch Zahlstellen der Raiffeisenbank gab. Sie wurden benannt nach dem Erfinder der ersten Genossenschaften, Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Er wurde am 30. März vor 200 Jahren geboren. Wir sprachen anlässlich des Raiffeisen-Jahres 2018 mit Anja Kukuck-Peppler vom Vorstand der größten Genossenschaftsbank im Landkreis über die bis heute bestehende Attraktivität des Modells.

Warum wurde aus der Idee Raiffeisens für eine Genossenschaft ein Erfolgsmodell, das sich bis heute bewährt?
KUKUCK-PEPPLER: Es ist die Kraft und Dynamik der vielen Leute, der Gemeinschaft, die auch 2018 und darüber hinaus modern ist. Menschen, die ihre Kräfte und Ideen bündeln, sind gemeinsam viel stärker und innovativer, als es ein Einzelner je sein könnte. „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“: Auf diesem einfachen Gedanken basiert das genossenschaftliche Geschäftsmodell bis heute.

Wo liegen die Vorteile der genossenschaftlichen Organisationsstruktur?
KUKUCK-PEPPLER: Die Mitglieder der Genossenschaften sind als „Miteigentümer“ vom ersten Moment an im Vorteil. Sie erfahren mehr über die Geschäftsausrichtung und Ziele ihres Unternehmens. Sie können die Politik ihrer Bank demokratisch mitbestimmen, jedes Mitglied erhält eine Stimme – unabhängig von der Anzahl der Mitgliedsanteile. Das ist der große Unterschied gegenüber Aktiengesellschaften.

Welche Rolle spielt die Genossenschaftsbank hier im ländlichen Raum?
KUKUCK-PEPPLER: Gerade hier gibt es die enge Verbundenheit zu den Mitgliedern, die Nähe und die Vertrautheit der Menschen untereinander, die Beziehung zwischen Bank und Kunden. Man ist nicht anonym, sondern aktiver Teil des Lebens der Menschen, ob im Beruf oder Verein. Es besteht ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Haben Genossenschaftsbanken eine Zukunft in einer globalisierten Welt?

KUKUCK-PEPPLER: Wir müssen den Spagat zwischen Werten wie der Verbundenheit mit der Region einerseits und der Einstellung auf die Zukunft mit Globalisierung und Digitalisierung andererseits schaffen. Aber bis heute hat die Genossenschaftsidee über diverse Schwierigkeiten hinweg ihre Tauglichkeit bewiesen.

Worauf beruht denn dieser ungebrochene Erfolg?
KUKUCK-PEPPLER: Ihr Erfolg beruht auf ihren wesentlichen Merkmalen: persönliche Mitgliedschaft samt Mitbestimmung und Mithaftung, transparente Geschäftsbedingungen und Orientierung an den lokalen Kundenbedürfnissen.

Was müssen genossenschaftliche Banken tun, um auch weiter zukunftsfähig zu sein?
KUKUCK-PEPPLER: Ich nenne an erster Stelle die Wettbewerbsfähigkeit: Der Auftrag einer Genossenschaftsbank zur nachhaltigen wirtschaftlichen Förderung ihrer Mitglieder heißt, den Mitgliedern in deren Interesse bessere Lösungen zu bieten als der Wettbewerber.
Schafft eine Bank einen Mehrwert für ihre Mitglieder und Kunden, dann ist sie ertragreich. Denn für Mehrwert wird bezahlt. Entscheidend wird es sein, dass wir uns frühzeitig und intensiv mit der eigenen Zukunftsfähigkeit auseinandersetzen. Dabei ist die Kundenorientierung unserer Bank der entscheidende Punkt. Dabei gilt es, das epochale Thema „Digitalisierung“ frühzeitig, offen und mutig anzugehen – ohne dabei jedoch unsere Stärken und die besondere Nähe zu den Menschen aufzugeben.

Im vergangenen Jahr gab es die Fusion der beiden VR-Banken Schwalm-Eder und Chattengau. Haben die Mitglieder noch Einfluss auf Entscheidungen, wenn ihre Bank weiter wächst?
KUKUCK-PEPPLER: Als Miteigentümer haben die Mitglieder großen Einfluss auf unsere Unternehmenspolitik. Die von den Mitgliedern bestimmten Vertreter wählen den Aufsichtsrat. Vorstand und Aufsichtsrat legen in der Vertreterversammlung Rechenschaft ab über das Geschäftsjahr. Die Mitglieder können an der Wahl der Vertreter teilnehmen und auch selbst kandidieren. Insgesamt haben wir 30.575 Mitglieder, für je 75 Mitglieder nimmt ein Vertreter die Interessen wahr. 407 Vertreter sind gewählt und werden am 13. Juni 2018 in der Homberger Stadthalle mitentscheiden.

Worin sehen Sie die größten Gefahren für das Genossenschaftsmodell?
KUKUCK-PEPPLER: Wir setzen weiter auf die persönliche Beratung durch Menschen, denen die Kunden vertrauen. Erträge steigern und die anhaltende Niedrigzinsphase auffangen – das sind die aktuell größten Herausforderungen für die Genossenschaftsbanken. Wir haben gute Chancen, unsere Stellung weiter auszubauen, wenn wir uns unsere Unverwechselbarkeit bewahren.

Von Ulrike Lange-Michael (HNA vom 29. März 2018)

Anja Kukuck-Peppler Die 47-jährige Wirtschaftsprüferin Anja Kukuck-Peppler steht seit Langem dem Genossenschaftswesen nahe. Sie ist eine der vier Vorstände der im vergangenen Jahr durch Fusion deutlich größer gewordenen VR PartnerBank eG Chattengau-Schwalm-Eder und arbeitet in der Zentrale in Homberg. Kukuck-Peppler war 15 Jahre beim Genossenschaftsverband Frankfurt tätig, bis sie im Jahr 2013 zur Generalbevollmächtigten der VR-Bank Schwalm-Eder ernannt wurde. Damals war sie die erste Frau im erweiterten Vorstand der Genossenschaftsbank. Anja Kukuck-Peppler wohnt in Willingshausen-Steina, ist verheiratet und hat zwei Söhne (13 und vier Jahre alt).
(ula) Archivfoto: Dewert